Torben Schultz

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Verabschiedet sich die Postbank vom barrierefreien Online-Banking

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Die Postbank wird im nächsten Jahr für das Online-Banking die iTAN (gedruckte Liste mit den TAN Nummern) abschaffen. Zukünftig steht den Kunden zwei Alternativen bereit: die schon länger mögliche mobileTAN oder die neue chipTAN. Klingt erstmal nicht nach einer spektakulären Meldung, nur die Konsequenzen sind gar nicht mal so ohne.
Im besonderen sehe ich darin die bisherige Barrierefreiheit des Online-Banking gefährdet, also eine klare Diskriminierung von Sehbehinderten. Aber dadurch werden auch allen Postbankkunden versteckte, zusätzliche Gebühren auferlegt.

Noch im Dezember 2004 war die Postbank ganz stolz auf den "Goldenen BIENE-Award für barrierefreies Online-Banking" der "Aktion MENSCH". Und das zu recht! Wir müssen uns immer klar machen, dass gerade für Sehbehinderte Menschen das Internet ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Natürlich immer vorausgesetzt, dass die Internetseiten auch vernünftig, also barrierefrei, gestaltet sind.

In viele Geschäfte kommen z.B. Blindenhunde nicht rein, auch wenn dies grundsätzlich gestattet werden muss! Aber so manch ein Händler sträubt sich und macht erst einmal Probleme. Der Online-Shop ist da eine echte Alternative. Und so war es immer toll, dass Sehbehinderte Menschen bei der Postbank nahezu problemlos Online-Banking nutzen konnten.
Ich selber hab es mehrfach Probiert, noch immer ist bei der Postbank mit einem Textbrowser (Lynx) alles möglich. Also werden auch Blinden Menschen, die eine Braillezeile benutzen, keine (bzw. nur wenig) Steine in den Weg gelegt.

Ob die Postbank bisher die gedruckten TAN-Listen auch in Blindenschrift erstellte, weiß ich nicht. Aber diese hätte sich jemand ja einmalig von einer Vertrauten Person "abschreiben" lassen können. Doch wie sieht es jetzt mit den zwei zukünftigen TAN Alternativen aus?

Bei der mobileTAN bekommt der Kunde zu jedem gewünschten Vorgang die benötigte TAN per SMS auf das Handy geschickt. Nun finde ich, dass eine Bank eigentlich von keinem Menschen verlangen kann, ein Handy zu besitzen. Ich z.B. hab schon mal keines. Und gerade Sehbehinderte haben mit all den "optischen" Funktionen eines Handys wenig Freude, und da gehört die SMS nun mal dazu.
Barrierefrei heißt nun mal Geräte unabhängig, aber jetzt müssten Sehbehinderte ein Handy haben, wo sie entweder die SMS abtasten können, oder wo ihnen das Handy die SMS vor ließt. Damit ist die Barrierefreiheit dahin!

Betrachten wir nun mal die zweite Alternative zur bisherigen Liste, die chipTAN. Hier wird ein zusätzliches Gerät, ein TAN Generator, für etwa 15,- Euro benötigt. In dieses steckt der Kunde dann seine Bankkarte und hält das Gerät vor eine flimmernde Grafik auf dem Bildschirm, danach erhält er die für den Vorgang gültige TAN auf dem Gerät angezeigt.
Muss ich noch was sagen? Die erste Hürde für Sehbehinderte ist natürlich, das Gerät an die richtige Stelle auf dem Monitor zu halten, die zweite Hürde dann die TAN abzulesen. Für die zweite Hürde gibt es allerdings bei der Sparkasse schon entsprechende Geräte, die dann fast das vierfache Kosten. Wie allerdings zu 100% Sehbehinderte die flimmernde Grafik finden bleibt mir verborgen, wird vermutlich etwas von „Topfschlagen“ haben.
Und mit Textbrowsern oder Braillezeilen geht gar nichts mehr.

Doch auch für alle Kunden stellt sich die Frage, ob es hinnehmbar ist, dass für das Postbank Online-Banking zukünftig neben dem Internetanschluss ein weiteres Gerät (Handy oder TAN Generator) nötig wird. Auch wenn die Preise nicht ins unermessliche gehen, es sind zusätzliche Kosten – und damit sind es versteckte Gebühren.

Ob diese beiden neuen Techniken wirklich mehr Sicherheit bringen, dass wird abzuwarten sein. Erstmal klingt es danach, aber wie oft schon wurden solche neuen Systeme ganz schnell bloßgestellt?
Ich denke wir haben mit HBCI (Homebanking Computer Interface) bereits einen offenen Standard der auf Wunsch mehr Sicherheit bietet. Dafür gibt es viele Geräte und angebundene Software. Auch im Bereich der Barrierefreiheit ist diese Technik schon sehr weit entwickelt.
Diese Technik hat letztlich nur ein Manko, sie ist nicht mal eben von irgendeinem Rechner (z.B. im Internetcafe) zu nutzen. Deshalb ist mobileTAN oder chipTAN als weitere Alternative zu begrüßen, aber als Verpflichtung lehne ich das ab!

Ich habe die Postbank angeschrieben und auf meine Bedenken hingewiesen. Weiter versuche ich gerade von Sehbehinderten-Verbänden eine Stellungnahme zu bekommen. Sollten sich meine Bedenken danach bestätigen werde ich sicher auch auf politischer Ebene das Thema aufgreifen.


Nach sechs Tagen bekam ich dann auch eine Antwort von der Postbank, die ich dann hier einfach mit veröffentliche. Scheinbar hat sie die Postbank schon Gedanken gemacht, aber so ganz zufrieden stellend finde ich die Antwort noch nicht. Ich werde die Tage mal drüber nachdenken und auch noch die Antworten der Sehbehinderten-Verbänden abwarten.

Zumindest ist mir noch immer nicht klar, wie der Sehbehinderten-gerechte TAN-Generator von zu 100% erblindeten auf dem Monitor positioniert werden soll. Und zu den Mehrkosten wird auch nichts gesagt.
Und Überweisungsträger oder Telefonbanking hier zu nennen ist auch etwas daneben, es ging doch um barrierefreies Online-Banking. Und da es um Online-Banking geht, verwundert mich auch dies zwei mal genannte " als erste Großbank in Deutschland flächendeckend". Was ist denn bitte nicht flächendeckendes Online-Banking? Muss ich mir das wie bei YouTube vorstellen: "In ihrer Region nicht verfügbar"?!
Aber immerhin werben sie bei so einer Anfrage von mir konsequent weiter im Footer für die chipTAN ;-)

Hier die Antwort der Postbank:

Guten Tag Herr Schultz

vielen Dank für Ihre E-Mail.

Gerne informiere ich Sie.

Das iTAN Verfahren bietet Schutz vor Phishing Angriffen, aus diesem Grund hat die Postbank 2005 das iTAN Verfahren als erste Großbank flächendeckend eingeführt.

Die klassische TAN-Liste wird in mehreren Schritten abgeschafft. Grund dafür sind die gestiegenen Sicherheitsanforderungen beim Online-Banking und die Tatsache, dass die TAN-Liste auf Dauer nicht den Schutz bieten kann, der unter Sicherheitsaspekten für alle Online Banking Nutzer geboten ist.
Das bisherige iTAN-Verfahren mit der Papierliste läuft aus und wird spätestens ab Mitte 2011 nicht mehr eingesetzt.

Zur Abwehr von Trojaner- und Phishingangriffen bietet die Postbank das mobileTAN Verfahren an.

Kunden ohne Handy oder ohne Handyempfang bieten wir nun ein weiteres Trojaner- und Phishing sicheres Verfahren an, die chipTAN. Übrigens, als erste Großbank in Deutschland flächendeckend.

Zusätzlich zum mobilenTAN Verfahren oder chipTAN Verfahren, können Sie Überweisungsträger oder das Telefonbanking für Ihre Auftragserteilung nutzen.

Selbstverständlich bieten wir auch für nicht sehende Kunden einen TAN Generator an.

Haben Sie noch Fragen? Unter der Telefonnummer (0180) 30 40 700 ((9 Cent/Minute aus dem Festnetz der dt. Telekom; ggf. abweichende Mobilfunktarife) sind wir 7 x 24 Stunden für Sie erreichbar. Bitte halten Sie Ihre Telefon-Banking PIN bereit. Oder senden Sie uns eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. Wir sind gerne für Sie da.

Fröhliche Weihnachten wünscht
Ihr Postbank E-Mail Team

Tschüss TAN-Liste! Mit der chipTAN  und der mobileTAN bietet die Postbank ab 16.11.2010 als erste Bank deutschlandweit zwei einfache Verfahren für besonders sicheres Online-Banking. Nutzen Sie die neuen Verfahren - denn bald hat die gute, alte TAN-Liste ausgedient! Weitere Infos unter www.postbank.de/chipTAN

 

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